Newsletter Nr. 21 vom 05.06.2013

Mit Herz gesehen – Was bitteschön ist eine 500-Jahresflut?

Heute las ich in den Medien, dass die gegenwärtige Flut die Auswirkung einer Wetterlage ist, die nur alle 500 Jahre auftritt. Wirklich?

Auch die Jahrtausendflut vor elf Jahren war Konsequenz einer Wetterlage, die nur alle tausend Jahre auftreten soll. Ach was.

Vor einigen Jahren schrieb ich einen Blog über das Buch „Der schwarze Schwan“. Autor Nicolas Taleb riet uns in diesem Buch, dass wir uns mehr auf die Beherrschung ungewöhnlicher Situationen vorbereiten sollten, anstatt uns von ihren anscheinend geringen Wahrscheinlichkeiten einschläfern zu lassen. Der schwarze Schwan: das sind Vorkommnisse, die statistisch gesehen höchst unwahrscheinlich sind, die aber dramatische Auswirkungen auf unser Leben haben.

Nehmen wir die Wetterlage, die zur jetzigen 500-Jahresflut führte. Wie können wir so etwas sagen, wenn es den Wetterdienst erst seit gut 100 Jahren gibt? Woher kommen solche Statistiken? Jedes Unwetter ist anders. Deshalb muss auch die Frage erlaubt sein, wie viele solcher ungewöhnlichen Unwetterlagen es noch geben mag! Meine Frau brachte es auf dem Punkt: Wenn es beispielsweise 50 solcher Konstellationen gibt, dann könnten wir – rein rechnerisch - alle 10 Jahre ein 500-Jahres-Unwetter erwarten.

Nicolas Taleb hat Recht: Vergessen wir die statistischen Wahrscheinlichkeiten. Bereiten wir uns stattdessen besser darauf vor, uns vor den Auswirkungen solcher schrecklichen Vorkommnisse zu schützen. Aber wie? Sollten wir nicht beispielsweise unsere Gesetze bei Planfeststellungsverfahren dahingehend verändern, dass das Mitspracherecht einzelner Interessenten bei Flutschutzmaßnahmen zugunsten der Mehrheit z.B. auf Eilverfahren eingeengt wird?

Ich denke da an Grimma. Die Stadt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner stehen nun wieder vor einem Neuanfang, der eine gewaltige Kraftanstrengung bedeuten wird. Wir reden dabei nicht nur über Schäden in dreistelliger Millionenhöhe, die nach Aussagen der Verantwortlichen vermeidbar gewesen wären, wenn Einzelinteressen nicht den Bau der Flutmauer um vier Jahre verzögert hätten. Wir sprechen auch über die seelische Belastung der Betroffenen, die nur nachvollziehen kann, wer 2002 selbst betroffen war oder Menschen auf dem jahrelangen Weg des Wiederaufbaus begleitet hat. Diese seelische Not beginnt, wenn sich die Wassermassen zurückgezogen haben und nichts als Schlamm und Zerstörung geblieben sind; wenn die Häuser leer stehen müssen, weil erst die Feuchtigkeit aus den Gemäuern weichen muss; wenn alles, was sich Menschen über Jahre erarbeitet haben, auf einem riesigen Müllhaufen liegt; wenn betroffene Unternehmen und Gewerbetreibende vor der Insolvenz stehen und verzweifelt nach Wegen suchen, wie sie weiter machen können.

Vor dieser Situation stehen nun viele Menschen in Sachsen – sei es in Grimma, Glauchau, Chemnitz, Werdau, im Leipziger Land, in Mittelsachsen, Bad Schandau, Königstein, Pirna, Dresden und den vielen anderen Kommunen, von denen wir heute noch nicht wissen. Zeigen wir Solidarität mit den Betroffenen. Begleiten wir sie auf ihrem langen Leidensweg. Und folgen wir endlich auch dem Rat von Nicolas Taleb: Schützen wir Menschen vor der nächsten großen Flut. Denn die kommt bestimmt!

Ihr Martin Gillo

Einbürgerungsfest musste abgesagt werden

Grafik 2

Aufgrund der Hochwassersituation
in Sachsen musste das für Samstag,
den 8. Juni geplante Einbürgerungsfest
abgesagt werden.