Newsletter Nr. 41 vom 20.12.2012

Mit Herz gesehen – Warum ich das alles mache

Im Mittelalter beobachtet ein Reisender, wie eine Kathedrale gebaut wird. Neugierig mustert er die vielen Steinmetze und fragt einen von ihnen, was er denn mache.

Der Steinmetz antwortet: „Ich schufte schon seit Sonnenaufgang an diesem Sandstein und muss mich noch bis zum Abend damit weiter plagen. So geht das tagaus, tagein.“

Er fragt einen Zweiten und der antwortet: „Ich bin ziemlich gut in meinem Handwerk, und dieser Stein hier, den werde ich wohl schon in drei Tagen fertig haben. Danach freue ich mich schon auf ein noch komplizierteren Stein.“

Er fragt einen Dritten, und der sagt: „Wir bauen hier eine Kathedrale zu Gottes Ehre. Und ich habe das Glück, dass ich mit dem, was ich kann, mithelfen darf.“

Die Antworten sind alt. Ihr tieferer Sinn aber ist lebendig. Wenn mich jemand fragt, warum ich tue, was ist tue, dann folge ich dem Sinn der letzten Antwort.

Die Welt wächst entweder zusammen – oder sie zerteilt und zerstört sich. In den 80er Jahren während des Kalten Krieges regte sich auf beiden Seiten Widerstand gegen das ewige Wettrüsten. Der Welt wurde auf einmal klar, dass die Menschheit sich durch einen nuklearen Winter selbst abschaffen würde. In dieser Situation erstarkte die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander der Nationen als Alternative zum nuklearen Tod.

Als Teil dieses weltweiten Miteinanders akzeptieren wir mittlerweile, dass sich alle Länder an universelle Menschenrechte halten müssen. Völkermord am eigenen Volk, wie das in Ruanda oder in Cambodia geschah und anderen Ländern noch immer geschieht, ist unakzeptabel und muss von der Völkergemeinschaft geahndet werden.

Doch darauf kann sich die Rolle der verantwortlichen Mitglieder in der Völkergemeinschaft nicht beschränken. Sie sind auch gefragt, Flüchtlingen Zuflucht zu bieten. Das gilt ganz selbstverständlich auch für Deutschland und Sachsen.

Nach Schätzungen der UNO sind derzeit weltweit etwa 44 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, vor Hunger und Umweltkatastrophen. Achtzig Prozent von ihnen finden Zuflucht in Entwicklungsländern in der unmittelbaren Nachbarschaft. Pakistan ist heute das Land, das derzeit die meisten Flüchtlinge weltweit aufnimmt. In Europa stehen im Augenblick - gemessen an der Zahl der Flüchtlinge - Großbritannien, Frankreich und Deutschland an der Spitze der Sehnsüchte nach einem besseren Leben.

Und wie sollen wir mit ihnen umgehen, wenn sie bei uns angekommen sind?

Genau hier beginnt meine Rolle. Ich bin der tiefen Überzeugung, das sowohl wir als auch die Flüchtlinge davon profitieren, wenn wir auf Menschenwürde und konstruktives Zusammenleben setzen anstatt auf Verelendung oder Vergrämung.

Zwanzig Jahre hat Deutschland auf Verelendung gesetzt. Dahinter stand eine simple Annahme: Wenn Asylsuchende in Heimen unter miserablen Bedingungen leben müssen, wenn sie nur Essenspakete bekommen, wenn sie nur in schlimmsten Fällen zum Arzt dürfen, wenn sie nicht arbeiten und kein Deutsch lernen dürfen und wenn ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist – dann geben sie auf und gehen freiwillig in ihre Heimat zurück.

Was haben wir mit dieser Strategie erreicht? Ja, viele Asylsuchende sind nach einigen Jahren zermürbt. Ja, manche suchen einen Ausweg in Alkohol oder Drogen. Und ja, eine Minderheit wendet sich auch der Aggression und der illegalen Arbeit zu. War es das, was wir wollten?

Und was ist mit dem Glauben, die so „behandelten“ Menschen würden ihren Familien und Freunden zu Hause schreiben, wie schlecht es ihnen hier schlecht ginge? Werden sie nicht viel eher um jeden Preis vermeiden, ihr volles Unglück einzugestehen? Ganz im Gegenteil: Die Meisten werden berichten, dass alles gut ist, um wenigstens ein letztes Stück Würde aufrechtzuerhalten.

Unsere Verelendungstaktik hat versagt. Wenn ein Rezept zwanzig Jahre lang nicht funktioniert, ist es an der Zeit, ein neues zu finden. Meines heißt:

Konstruktives Zusammenleben in einer weltoffenen Gesellschaft, in der ALLE eine Chance bekommen, ihre Talente zum Wohle der Gesellschaft und sich selbst einzubringen, soweit das möglich ist.

Genau das motiviert mich in meiner Rolle als Ausländerbeauftragter. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass die übergroße Mehrheit aller Menschen sich konstruktiv in die Gemeinschaft einbringen will und das auch von den anderen annimmt.

Wenige Länder auf der Welt haben es bisher geschafft, Fremde als positive Chance zu erkennen. Wir stehen auf diesem Weg noch ziemlich am Anfang. Bei Fremden, die sozusagen ungebeten zu uns gekommen sind, fällt uns das noch viel schwerer.

Ich möchte uns in der Haltung bestärken, dass alle Menschen ein riesiges Potenzial in sich tragen, und dass es in unserem eigenen Interesse ist, sie zu ermutigen, dies auch bei uns einzubringen.

Wie war das noch mit den Flüchtlingen aus dem Osten, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu uns kamen? Meine aus Danzig geflohenen Eltern erzählten, dass wir in Delmenhorst in Niedersachsen einen Vermieter hatten, der einen Zaun um seinen Birnbaum aufstellte. So wollte er verhindern, dass die Nachbarn – und wir - davon aßen. Er wollte sie alle für sich behalten. Dreimal dürfen Sie raten, ob ihm das gelungen ist.

Diese Art von Ausgrenzung hat schon damals nicht funktioniert. Probieren wir es doch einfach mit konstruktivem Miteinander. Was haben wir zu verlieren, außer unseren Ängsten?

Martin Gillo

Engagieren statt Beschweren – Die bunte Welt ein kleines bisschen besser machen

Mein Wunsch, nach dem Abitur nicht gleich mit dem Studium zu beginnen, sondern erst einmal für ein Jahr in den beruflichen Alltag einzusteigen, brachte mich zur Sächsischen Jugendstiftung und damit zur Geschäftsstelle des Sächsischen Ausländerbeauftragten. Als Freiwillige im Sozialen Jahr Politik wird man Teil einer Institution, welche die Integration der im Freistaat lebenden Ausländer fördert und deren Belange wahrt.

Ich glaube, für mein persönliches Leben lerne ich hier jeden Tag mehr als in der Schule in einer Woche. Die Situation von Migranten und Asylbewerbern kennt man erst, wenn man sich dafür interessiert und nachfragt.

Nie war mir bewusst, in welchen Situationen sich Asylbewerber befinden, die in einer Gemeinschaftsunterkunft leben müssen und keinen Zugang zur deutschen Sprache haben.

Nie war mir bewusst, dass jemand, der Asyl beantragt hat, ein Jahr nicht arbeitsberechtigt ist.

Nie war mir bewusst, wie schwer es für einen ausländischen Forscher ist, seinen Abschluss anerkennen zu lassen und hier integriert zu werden.

Schließlich war mir aber auch nie bewusst, wie viele Vereine und Initiativen es gibt, die sich mit ganzem Herzen für eine bestmögliche Integration von Migranten in unserem Freistaat einsetzen.

Arthur Schopenhauer sagte einst: „Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerspruchslos hinnehmen.“

Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass Asylbewerber in zum Teil schrecklichen Behausungen leben müssen, dass sie nahezu keine Chance haben, sich zu integrieren und dass es so schwierig ist, seinen im Heimatland erworbenen Abschluss anerkennen zu lassen. Aber in meinem freiwilligen Jahr habe ich die Möglichkeit, mithilfe meiner Kolleginnen und Kollegen die Situation der hier lebenden Ausländer zu erkennen und zu überlegen wie man in Zukunft z.B. Verfahren bei den Ausländerbehörden erleichtern könnte.

Dass ich für ein Jahr hier arbeiten darf, gibt mir die Chance, auch in Zukunft zu verstehen, dass man nichts widerspruchslos hinzunehmen braucht, nur weil man denkt, man kann sowieso nichts ändern. Ich weiß, mit persönlichem Engagement kann man viel erreichen und für die interkulturelle Öffnung der Mehrheitsgesellschaft ist der Einsatz jedes einzelnen unabdingbar.

Aline Klemm

Ausklang

Frohe Weihnachten! Merry Christmas! Joyeux Noël ! Feliz Navidad! Wesołych Świąt!

عيد ميلاد سعيد! С Рождеством Христовым! کریسمس مبارک! Buon Natale! Krismasi Njema! Mừng Giáng Sinh! Gelukkig kerstfeest! Καλά Χριστούγεννα!

Die Geschäftsstelle des Sächsischen Ausländerbeauftragten wünscht Ihnen und Ihren Familien frohe Festtage, Zeit zur Entspannung, Besinnung auf die wirklich wichtigen Dinge und viele Lichtblicke im kommenden Jahr.