Newsletter Nr. 17 vom 16.05.2014

Mit Herz gesehen: Wie vertragen sich nationale Kultur und Weltoffenheit?

Vorige Woche erhielt ich eine besorgte Zuschrift zum Thema deutsche Kultur und Weltoffenheit. Passt das zusammen? Wie können wir unsere eigene Kultur bewahren und gleichzeitig weltoffen sein? Schaffen wir so nicht unsere eigene Kultur abgeschafft? Hier ist meine Antwort:

Die Kultur von Gruppe definieren Kulturwissenschaftler als die Summe der jeweiligen Erfolgsrezepte für den Umgang mit der Natur und dem sie umgebenden Umfeld und mit den sonstigen nachhaltigen Einflüssen der Welt. Und wie das Leben in der Evolution, entwickelt sich auch Kultur durch diese Einflüsse und den Umgang damit immer weiter. Das heißt man verliert die Kultur nicht, sondern bereichert sie fortlaufend weiter. Wie jedes Lebewesen, so erweitert sich auch jede lebende Kultur. Gerade jetzt, wo die ganze Welt immer näher zusammenrückt, werden auch die einzelnen Kulturen reicher, vielfältiger, bunter – ohne dass, sie dadurch verschwinden würden. Und das ist nicht erst seit heute so, das gilt für die ganze Geschichte.

Sachsen beispielsweise ist heute ein Land ohne wesentlichen Bergbau, einmal abgesehen von der Braunkohle, dem Feldspat, kleinen Steinbrüchen und der Bergakademie Freiberg. Und dennoch sind wir stolz auf unsere Bergparaden und die vielen Traditionsvereine. Im Erzgebirge und in Freiberg grüßen wir uns mit einem herzlichen „Glückauf“. Und auch bei offiziellen Anlässen und Reden in der Region steht am Schluss immer das „Glückauf“. Sie sehen, wir verlernen unsere Kultur und unsere Wurzeln nicht.

Ein anderes Beispiel. Holland hat in seiner Geschichte dem Meer viel Boden abgerungen. Dabei waren Deiche überlebensnotwendig und wer sein Grundstück hinter dem Deich hatte, war auch für dessen Pflege verantwortlich. Wer das vergaß, der wurde vom Nachbar deutlich aufgefordert, sich gefälligst um seinen Deich zu kümmern. Das wurde Teil der holländischen Kultur. So erkennt man auch heute noch einen holländischen Freund am sichersten daran, dass er einen kräftig kritisiert.

Solange es also Menschen gibt, die sich zu einer Kultur zugehörig fühlen, wird es diese Kultur auch geben.

Wie sieht es jetzt mit der deutschen Kultur aus? Ich denke, sie ist die Summe der besten Eigenschaften unserer verschiedenen regionalen Kulturen. Wir waren viele Jahrhunderte ein gespaltenes Volk. Das änderte sich erst mit der Reichsgründung 1871. Doch so schnell wachsen unterschiedlich Kulturen nicht zu einer Einheit zusammen. So gibt es zwar preußische Tugenden, aber immer noch keine deutschen. Schauen Sie mal bei Google nach. Die Sachsen sind als Tüftler bekannt und bewundert, aber noch nicht die Niedersachsen. Und die protestantische Ethik, zu der Bescheidenheit, Zuverlässigkeit, Gründlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß gehören, ist noch immer keine katholische Ethik, und das nach fast 500 Jahren Reformation. Gemütlichkeit dagegen ist uns allen gemein – zumindest wird uns das nachgesagt.

Werte, die in der Vergangenheit prägend waren, können natürlich auch verblassen. Vaterlandsliebe wurde mit der Wiedervereinigung relativiert; denn was vor hundert Jahren Vaterland war, sieht heute ganz anders aus.

Auch weltweite Werte, Einstellungen und Dinge haben in Deutschland Einzug gehalten und wurden Teil unserer Kultur. Denken Sie nur an das deutsche Wort Handy.

Mit anderen Worten: Jede, auch unsere Kultur ist im besten Sinne eine Baustelle, an der alle Mitglieder mitarbeiten. Das alles führt zu einer ständigen Veränderung und Bereicherung unserer Kultur und unseres Selbstverständnisses.

Abschaffen geht gar nicht. Das Abschaffen einer Kultur ist unmöglich. Ich kenne deutsche Auswanderer, die mit Freude ihre Staatsangehörigkeit abgelegt haben und dann im Alter in die seelische Krise gerieten, weil sie zu spät erkannten, dass man zu seinen Wurzeln und seiner Kultur stehen sollte.

Mit anderen Worten, ich verstehe mich als Kulturoptimist. Unsere Kultur wird uns erhalten bleiben. Manche Dinge werden neu in den Vordergrund treten, andere in den Hintergrund. Immer aber wird unsere Kultur leben. Und gegen eine Bereicherung unserer Kultur gibt es ebenso wenig einzuwenden wie gegen eine Bereicherung unserer Speisekarten.

Wie die verschiedensten Kulturen konstruktiv, gegenseitig bereichernd und mit viel Innovation zusammenleben können, das habe ich selbst über viele Jahre in Kalifornien erlebt (Hauptsitz von Apple, Google, Facebook, Yahoo, Ebay, Intel, AMD, Globalfoundries und Co.). Hier sind die Bewohner mit europäischen Wurzeln zahlenmäßig mittlerweile von denen mit asiatischen überholt worden. Und niemand regt sich darüber auf. San Francisco, für mich die lebens- und liebenswerteste Großstadt der Welt, besteht aus Bürgerinnen und Bürgern aus unzähligen Ethnien und Kulturen – die sich natürlich alle auch als US-Amerikaner verstehen. Für mich ist das ein ermutigendes Beispiel. Wir sollten herausfinden, ob wir daraus etwas lernen könnten.

Und ein weiterer Punkt ist erwähnenswert. Besorgt ging die Zuschrift auch auf das Verhältnis von Staat und Islam ein. Als Antwort fiel mir das folgende Beispiel ein: Eine Gruppe junger Muslime aus Leipzig besuchte vor einigen Jahren die Vereinigten Staaten und traf sich dort auch mit jungen Muslimen. Nach der Rückkehr wurden sie gefragt, was sie dort am meisten beeindruckt habe. Die spontane Antwort: Die amerikanischen Jugendlichen verstanden sich zuerst als US-Amerikaner und dann als Muslime. Bei uns ist das zu oft noch umgekehrt.

Warum nur? Nachdenken lohnt sich.

Martin Gillo

Sächsisches Partizipationsforum am 17. Mai

Der Sächsische Migrantenbeirat als Veranstalter des sächsischen Partizipationsforums am 17. Mai 2014 in Dresden bittet alle Interessierten um ihre Teilnahme. Mitveranstalter ist der DGB Bezirk Sachsen. Veranstaltungsort ist das Gewerkschaftshaus Dresden (auch Dresdner Volkshaus) am Schützenplatz 1 in 01067 Dresden. Beginn ist 10.00 Uhr, Ende gegen 17.00 Uhr. Teilnehmen werden Mitglieder des Sächsischen Migrantenbeirates und der sächsischen Ausländerbeiräte sowie Abgeordnete des Sächsischen Landtags.

Vortrag zu Resettlement in Dresden

In der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Dresden-Prohlis, Georg-Palitzsch-Straße, findet am 30. Mai 2014 um 19.00 Uhr ein Vortrag zu Resettlement statt. Dazu laden die Integrations- und Ausländerbeauftragte der Landeshauptstadt Dresden und die Mitglieder der Dresdner Kampagne „Save Me“ ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht die Frage, wie die Neuansiedlung von Flüchtlingen, die von der Hohen Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen (UNHCR) anerkannt werden, in Deutschland umgesetzt wird. Dazu spricht Ingeborg Heck-Böckler, Landesbeauftragte für politische Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen und Mitglied der Fachkommission Asyl sowie bei Amnesty International. Im Anschluss an den Vortrag können Fragen gestellt werden. Der Eintritt ist frei.

Die Bundesrepublik Deutschland nimmt seit 2011 am Resettlement-Programm der UNHCR teil. Die Landeshauptstadt Dresden hat mit einem Stadtratsbeschluss 2011 ihre Bereitschaft erklärt, einen Teil dieser Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen eine dauerhafte Perspektive zu geben.

Einblicke in die Lebenssituation afghanischer Frauen

Die Fotoausstellung des medica-mondiale e. V. "Starke Stimmen - Frauen in Afghanistan" präsentieren das Frauen- und Mädchengesundheitszentrum MEDEA e. V. und das Büro der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Dresden im Kino in der Fabrik (KIF). Die Ausstellungeröffnung ist am 27. Mai 2014 um 18.00 Uhr. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 8. Juni 2014 im Rahmen der Öffnungszeiten des Kinos, werktags ab 17.00 Uhr und am Wochenende ab 15.00 Uhr, Tharandter Straße 33.

Die Fotos der Amerikanerin Elissa Bogos gewähren Einblicke in die Lebensperspektiven verschiedenster Afghaninnen: von einer Politikerin über eine Filmemacherin, eine Besitzerin eines Schönheitssalons bis hin zu einer Flüchtlingsfrau. In begleitenden Statements berichten sie, wie sich ihr Leben seit dem Sturz der Taliban 2001 verändert hat, sie erzählen von ihren Nöten und Entbehrungen, aber auch von ihren Kämpfen und Hoffnungen auf eine bessere Zukunft.

Bundeskonferenz der Integrationsbeauftragten tagte in Hamburg

Unter dem Motto „Ausbildung Deutschland – Teilhabe ermöglichen und Potenziale heben“ fand am 14. und 15. Mai die diesjährige Bundeskonferenz der Integrationsbeauftragten von Bund, Ländern und Kommunen statt. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Aydan Özoguz betonte in ihrer Eröffnungsrede die grundlegende Bedeutung von Bildung und Ausbildung für eine gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen an der Gesellschaft.

Dafür müsse die Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte gesteigert werden und mehr Unternehmen für die Ausbildung gewonnen werden. Außerdem sollte die Bewerberauswahlverfahren dahingehend geprüft werden, ob sie in Hinblick auf die gewachsene Vielfalt der Jugendlichen noch zeitgemäß seien. Zudem solle Diskriminierung in diesem Feld nachdrücklich verhindert werden.

Ausbildung auch für Flüchtlinge

Özoguz plädierte dafür, Mittel und Wege zu finden, damit alle Jugendlichen befähigt werden, am Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen – unabhängig von ihrer Herkunft oder von ihrem Aufenthaltsstatus. Jedes Kind solle in die Schule und jeder Jugendliche solle eine Ausbildung machen dürfen.

Unternehmen gewinnen

Darüber hinaus will die Bundesbeauftragte die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe steigern. Die Wirtschaft klage über Fachkräftemangel, gleichzeitig gebe es aber ein historisches Rekordtief bei den Ausbildungsverträgen. Dabei sei ihr wichtig, dass die interkulturelle Sensibilität der Personalentscheider gestärkt wird.

Erfolgreiche Integrationspolitik als Zusammenspiel von Teilhabe, Vielfalt und Zusammenhalt

Hamburgs Integrationssenator Detlef Scheele erklärte bei der Eröffnung, ein zentraler Aspekt gelungener Integrationspolitik sei das Zusammenspiel von Teilhabe, Vielfalt und Zusammenhalt. Der Zugang zu Bildung und die Anerkennung von Bildungs- und Berufsabschlüssen seien dafür maßgeblich. Dafür müssten alle bestehenden Regelsysteme interkulturell geöffnet werden, um Hürden abzubauen. Sein Ziel sei es, dass die Stadt insgesamt von Integration profitiere – durch die vielfältigen Talente seiner Bewohner.

Hoher Informationsbedarf über vorhandene Strukturen und Projekte

Die Beauftragten informierten sich an den zwei Tagen in fünf Foren über bestehende Strukturen und laufende Projekte im Bildungs- und Ausbildungsbereich. Hier wurde deutlich, dass es einen hohen gegenseitigen Informationsbedarf zwischen den Bildungs- und Integrationsexperten gibt. Das zeigte sich zum Beispiel besonders am Beispiel des Netzwerkes „SchuleWirtschaft“, in dem sich bundesweit 430 lokale Arbeitskreise dafür engagieren, Jugendliche und Unternehmen zusammenzubringen. Die Teilnehmer stellten heraus, dass hier von beiden Seiten eine engere thematische Zusammenarbeit und eine Vernetzung vor Ort angestrebt werden sollte. Es gebe bereits heute eine Vielzahl guter Ansätze und Strukturen, die durch interkulturelle Aspekte weiter qualifiziert werden und darüber auch allen Jugendlichen zugute kommen könnten.

Vernetzung und Erweiterung statt neuer Instrumente

Vernetzung war bei den Empfehlungen der Beauftragten der am meisten genannte Ansatz. Die Grundlage für die Verbesserung der Ausbildungssituation der Jugendlichen mit Migrationshintergrund sei ein gemeinsamer politischer Wille der beteiligten Akteure und eine strukturübergreifende verbindliche Verbesserung der Zusammenarbeit aller Beteiligten aus dem Integrations-, Bildungs- und Arbeitsmarktbereich. Erfolgreiche Ansätze wie die Jugendberufsagentur Hamburg und der Ansatz des Kyffhäuserkreises bestätigen das.

Ausbildung weiter Schwerpunktthema

Die Ergebnisse der Bundeskonferenz mit den Anregungen der Beauftragten aus den Ländern, Kreisen und Kommunen sollen zusammengefasst werden. Themenbezogen werden weitere Workshops und Veranstaltungen folgen. Zum Ende des Jahres sollen die Ergebnisse zu einem Gesamtkonzept zusammengeführt werden. Auch der Integrationsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende des Jahres wird unter dem Motto Ausbildung stattfinden.