Newsletter Nr. 7 vom 15.02.2013

Mit Herz gesehen - Waisenkind, Arzt, Vizekanzler, Deutscher

Philipp Röslers bisheriger Lebensweg war außergewöhnlich: als junges Waisenkind in Vietnam wurde er dort im Alter von neun Monaten von einer deutschen Familie aus Niedersachen entdeckt, adoptiert, und wuchs in Niedersachsen als deutsches Kind auf. Er empfand sich immer als Deutscher. Seine Eltern mussten ihn als Kind vor den Spiegel stellen, um ihm erklären zu können, warum ihn einige Menschen verunglimpften.

Seine Begabungen, sein Fleiß und natürlich seine liebevoll engagierten Eltern machten eine außergewöhnliche Karriere möglich. Er wurde Arzt und engagierte sich gleichzeitig in der FDP in Niedersachsen. Von dort wurde er zum Gesundheitsminister berufen. Als Guido Westerwelle sein Amt als FDP-Parteivorsitzender abgab, schlug er Rösler als Nachfolger vor. Die FDP folgte der Empfehlung, und so wurde er auch Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler. Welch fulminanter Lebenslauf.

Die Politik der FDP steht im Augenblick allerdings vor großen Imageproblemen. In der letzten Zeit lagen die Umfragewerte bei etwa 2 Prozent. Da sucht man schnell nach Schuldigen. Wie so oft in der Politik, so sucht man die Gründe nicht so sehr bei Themen als bei Personen. Und so ist es ganz natürlich, dass auch Kritik am Vorsitzenden Rösler laut wird.

Pikant ist allerdings, dass jetzt Jörg-Uwe Hahn (FDP), Integrationsminister des Landes Hessen, die vietnamesische Herkunft Röslers auf zumindest ungeschickte Weise als möglichen Grund für die niedrigen Umfragewerte in die Diskussion gebracht hat. Zitat aus der Frankfurter Neuen Presse: "Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren".

Trennen wir uns einmal von den Diskussionen über den politischen Takt Jens-Uwe Hahns. Nutzen wir diesen Satz als Spiegel für unser Selbstverständnis darüber, wer vom Aussehen her "einer von uns" ist, also als "wirklicher" Deutscher zu betrachten ist.

Dann würde uns dieser Spiegel vielleicht ein Land zeigen, das besser mit Trennendem als mit Verbindendem umgehen kann. Er würde uns zeigen, dass die mehr als hundert Jahre unseres auf Blut- und Abstammung basierenden Staatsbürgerschaftsrechtes und die Nürnberger Rassegesetze in unserem nationalen kollektiven Unterbewusstsein immer noch hässliche Spuren hinterlassen haben.

Und mit Verlaub, der Satz "Deutschland ist kein Einwanderungsland" hat nicht zur Überwindung dieses Geistes beigetragen. Besonders süffisant an diesem Satz ist, dass er scheinbar die Öffentlichkeit beruhigen sollte, während die Politik gleichzeitig Millionen Menschen auf unbefristete Zeit nach Deutschland holte.

Ich glaube, es ist höchste Zeit, unseren Hang zur Differenzierung durch den Drang nach Gemeinsamkeiten und Verbindendem zu ergänzen.

Deutschland ist ein Einwanderungsland, und zwar schon seit über fünfzig Jahren. Zwanzig Prozent der Einwohner in Deutschland hatten 2010 schon Migrationshintergrund, Tendenz steigend.

Streiten wir uns ruhig wie die Kesselflicker mit Philipp Rösler um politische Positionen. Aber bekennen wir uns ganz klar zu ihm als "Einen von uns", und zwar einen der Aufrichtigsten, die wir in der Politik haben.

Ihr Martin Gillo

Große Mehrheit hat kein Problem mit Röslers Herkunft

Eine große Mehrheit der Deutschen hat kein Problem damit, dass Vizekanzler Philipp Rösler aus Vietnam stammt. Das ist das Ergebnis einer YouGov-Umfrage vom
12. Februar 2013, die die Nachrichtenagentur dpa in Auftrag gegeben hatte.

Für 79 Prozent der Befragten spielte die Herkunft des Vizekanzlers keine Rolle, lediglich 11 Prozent hatte ein Problem damit. Kritischer wären die Befragten allerdings, wenn Kanzler oder Kanzlerin ausländischer Herkunft wären. Das fänden nur 11 Prozent ausdrücklich gut, 46 Prozent der Befragten wäre es egal.

YouGov befragte vom 8. bis 12. Februar 1047 Bundesbürger.

Miteinander am 13. Februar 2013 in Dresden

Grafik 7

Mitglieder des Sächsischen Migrantenbeirates, des Dresdner Ausländerbeirates und des Dresdner Ausländerrates beteiligten sich engagiert an den Veranstaltungen und Aktionen rund um den
13. Februar 2013 in Dresden.

Gemeinsam mit Tausenden Dresdnern und Gästen der Stadt haben sie damit ein deutliches Zeichen für ein respektvolles und demokratisches Miteinander und ein weltoffenes Dresden abgegeben.

Jetzt bewerben für START-Schülerstipendien

Seit dem 1. Februar 2013 werden wieder gesellschaftlich engagierte und motivierte Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund für das START-Stipendienprogramm gesucht.

Mindestens 170 Stipendienplätze stellt die START-Stiftung gGmbH gemeinsam mit mehr als 120 Partnern für das Schuljahr 2013/14 in insgesamt 14 Bundesländern zur Verfügung.

START ist ein Stipendienprogramm für engagierte Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Ziel ist es, die Stipendiaten auf dem Weg zum (Fach-)Abitur zu unterstützen, ihr gesellschaftliches Engagement zu fördern und ihnen damit bessere Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe zu ermöglichen.

Die START-Stipendiaten erhalten 100 Euro Bildungsgeld im Monat, einen Laptop und Drucker sowie bei Bedarf weitere finanzielle Unterstützung, z. B. für Nachhilfe, Vereinsbeiträge, Weiterbildungskurse. Sie profitieren außerdem von einem breit gefächerten Bildungsangebot an Seminaren, Workshops, Exkursionen etc. zu unterschiedlichen Themen aus den Bereichen Kommunikation, Gesellschaft, Persönlichkeitsbildung, Natur und Technik, Musik, Sport etc. Exkursionen in privatwirtschaftliche Unternehmen und öffentliche Verwaltungseinrichtungen, Beratungen für die Ausbildungs-, Studien- und Lebensplanung ergänzen das Angebot. Während ihrer Zeit bei START werden die Stipendiaten von erfahrenden Pädagogen bei schulischen und persönlichen Fragen intensiv betreut.

Bundesweit gehören bereits etwa 720 Stipendiaten und 900 Alumni zum START-Netzwerk.

Zu den Bewerbungsvoraussetzungen für ein START-Stipendium zählen: der Migrationshintergrund der Schülerinnen und Schüler, ihr gesellschaftliches Engagement und die Bereitschaft, sich weiterhin aktiv für andere einzusetzen, sowie ein Notendurchschnitt von 2,5 und besser. Sie sollten zum Zeitpunkt der Bewerbung die Klassenstufen 9 und 10 der Mittelschulen bzw. die Klassenstufen 8 und 9 der Gymnasien besuchen.

Bewerber können sich bis zum 1. März 2013 bewerben auf
www.start-stiftung.de/bewerben

Ausführliche Informationen zum Stipendienprogramm, Bewerbungsverfahren und alle Ansprechpartner finden Sie auf
www.start-stiftung.de