Martin Gillo: „Respekt für alle ist das Fundament einer Willkommensgesellschaft“

Pressemitteilung 5/2011 vom 06.05.2011

Der Sächsische Ausländerbeauftragte stellte am 06.05.2011 seine Anregungen und eigene Initiativen für eine sächsische Willkommensgesellschaft vor..

„Willkommensgesellschaft Sachsen – das ist unser Ziel. Für mich gehören zu einer Willkommensgesellschaft das konstruktive Zusammenleben aller - unabhängig von ihrer Herkunft - und die kreative Zusammenarbeit unterschiedlichster Talente an unserer gemeinsamen Zukunft. Das Fundament einer solchen Gesellschaft ist der gegenseitige Respekt, ohne den weder ein Zusammenleben noch eine Zusammenarbeit möglich ist.“ so Gillo.

Er begrüßte in diesem Zusammenhang die Initiative der Sächsischen Staatsregierung für eine aktive Einwanderungspolitik. Gillo betonte, dass es gut sei, die Türen zu öffnen und Talenten aus anderen Ländern ein klares Willkommen zu sagen. Gleichzeitig müssten diesem Schritt weitere folgen: „Wenn wir unsere Tür öffnen, um Talente aus anderen Ländern zu uns zu holen, dann sollten wir auch dafür sorgen, dass sie sich in unserem Haus willkommen fühlen und respektvoll behandelt werden.“

Ein einfaches Willkommen an der Eingangspforte aber reiche nicht aus. Denn ob man sich wirklich willkommen geheißen und heimisch fühle, entscheide sich jeden Tag im Alltag neu:

Beim Einkaufen, beim Elternabend in der Schule oder in der Nachbarschaft. Ausländische Fachkräfte seien nicht nur Fachkräfte, sondern Menschen im Alltag wie jeder andere auch – auch deshalb, weil sie ihre Familien und Kinder mitbringen, die mit uns in Sachsen leben, lernen und arbeiten. „Ob als Ratsuchender in den Ämtern, als Eltern in der Kita, als Nachbarn im Wohnhaus oder als derjenige, der nach dem Weg fragt: In genau diesen Situationen müssen wir jedem und jeder den Respekt entgegenbringen, den wir uns selber wünschen.“

Gillo wies darauf hin, dass ausländische Fachkräfte vor ihrer Entscheidung für eine Arbeit in Sachsen sehr genau prüfen würden, wie es um die „weichen Standortfaktoren“ wie Respekt und Fremdenfreundlichkeit bestellt sei. „Wenn sie spüren, dass ein respektvolles Miteinander unabhängig von Hautfarbe und Herkunft in Sachsen selbstverständlich ist, dann kommen und bleiben sie gern. Ein Land jedoch, in dem Migranten als ‚notwendiges Übel’ betrachtet werden, wird keine Talente aus dem Ausland gewinnen können. Es macht sich höchstens zur Transitstation für Qualifizierte. “

Prof. Dr. Tony Hyman, Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik sagte dazu:

“Es gibt keine selektive Fremdenfreundlichkeit. Man sieht es beim Einkaufen oder in der Straßenbahn niemandem an, ob er Forscher oder Flüchtling ist. Und es gibt dabei auch keine unterschiedlichen Rechte: Respekt hat jeder verdient.“

Martin Gillo gab drei konkrete Anregungen für die Gestaltung einer sächsischen Willkommensgesellschaft.

1. Respekt zeigt sich im Alltag

Ein klarer Indikator für Respekt ist die Form, in der Migrantinnen und Migranten angeredet werden. „Ich erlebe immer wieder, dass Menschen mit Migrationshintergrund ungewollt geduzt werden – ohne dass sie das erlaubt hätten. Dieses unerbetene ’DU’ ist leider noch eine ganz alltägliche Herabsetzung, die jedem, der anders aussieht, widerfahren kann.“

Gillo forderte deshalb dazu auf, auch gegenüber Migrantinnen und Migranten ganz selbstverständlich das „Sie“ als Anrede zu nutzen – es sei denn, man hätte gemeinsam etwas anders vereinbart. „Das bei uns übliche ’Sie’ ist ein Signal des Respekts, das jedem gebührt: unabhängig von seiner Herkunft oder seinem Aussehen.“

2. Respekt zeigt sich in den Behörden

Behörden und Institutionen sind das Aushängeschild des Freistaates und damit auch ein Spiegel des respektvollen Miteinanders. „Oft ist Respekt aber auch eine Frage des Wissens und des Könnens, dann nämlich, wenn sich hinter einer scheinbaren Respektlosigkeit eigentlich Unsicherheit verbirgt. Deshalb ist eine höhere interkulturelle Kompetenz in sächsischen Behörden und Institutionen ein wesentlicher Schritt hin zu einer Willkommensgesellschaft.“, so Gillo.

Gillo begrüßt in diesem Zusammenhang auch die Initiative des Sächsischen Innenministeriums, dass seinen Ausländerbehörden ein Leitbild an die Hand gegeben hat. Die Grundsätze für ein respektvolles Verhalten auch gegenüber Migrantinnen und Migranten sollten, so regte Gillo an, in die Leitbilder aller sächsischen Behörden und Institutionen Sachsens übernommen werden.

3. Respekt zeigt sich Umgang mit der Sprache

Die Sprache gilt als der wichtigste Schlüssel für die Integration. Das sei grundsätzlich richtig, so Gillo, wies aber darauf hin, dass dieses Bild auf eine falsche Fährte locke.

„Wenn wir Deutsche an Deutsch denken, dann denken wir an perfektes Deutsch. Manche gehen deshalb irrtümlich davon aus, dass nur der, der perfekt Deutsch spricht, auch richtig integriert sei. Viele legen mehr Wert auf die Form, als auf den Inhalt.“

Diese überhöhte Erwartung führe dazu, jemanden, der nicht perfekt Deutsch spreche, herabzusetzen. Außerdem verstelle dieser hohe Anspruch den Blick darauf, welche Begabung die Mehrsprachigkeit von Migrantinnen und Migranten sei. „Die wenigsten von uns beherrschen mehrere Sprachen auf muttersprachlichem Niveau, aber wir erwarten von den anderen, dass sie perfekt im Deutschen sind. Es ist ein Zeichen von Respekt, wenn wir hier realistischer werden.“

Außerdem forderte Gillo dazu auf, die gegenwärtige Praxis bei der Sprachförderung im Interesse eines konstruktiven Zusammenlebens zu überprüfen. Die Gesetzeslage sieht beispielsweise eine Unterstützung für Sprachkurse erst dann vor, wenn Asylsuchende oder Geduldete einen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. In der Praxis bedeute das allerdings, dass sie über Jahre hinaus keine Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache bekommen, weil sich die Verfahren eben über Jahre hinziehen können.

„Das schafft eine widersprüchliche Situation, denn die Gesellschaft erwartet auf der anderen Seite gleichzeitig, dass sich alle Migranten im alltäglichen Leben gesellschaftskonform und konstruktiv verhalten, bei Behörden mitwirken, in Gesprächen mit den Lehrern ihre Kinder in der Schule unterstützen oder als Nachbarn freundlich und umgänglich mit uns kommunizieren,“ sagte Gillo.

„Ich fordere deshalb „Deutsch für alle, die bei uns leben“, so Gillo und stellte in diesem Zusammenhang die Broschüre „Deutsch für alle - 99 Wege zur deutschen Sprache“ vor, die in der Geschäftstelle des Ausländerbeauftragten entwickelt wurde.

„Diese Broschüre ist ein Teil unseres Willkommens für alle Migrantinnen und Migranten, die unsere Sprache lernen wollen. Wir wissen, dass das nicht leicht ist und wollen sie mit dieser Broschüre ermutigen. Gleichzeitig wollen wir bei den Sachsen Verständnis dafür wecken, dass das Erlernen einer Sprache nicht von heute auf morgen möglich ist, sondern Zeit und unsere Unterstützung braucht.“

Abschließend betonte Gillo: „Das Fundament einer Willkommensgesellschaft heißt Respekt für alle – sei es im Alltag, in den Behörden und Institutionen und auch im Umgang mit dem Potential der Mehrsprachigkeit. Wir haben hier drei Felder, auf denen wir weiterhin beobachten werden, ob und wie sich Sachsen zu einer Willkommensgesellschaft entwickelt.“

Gillo kündigte an, das Thema Willkommensgesellschaft auch im Netzwerk der sächsischen Integrationsakteure weiter zu bearbeiten und zu konkretisieren.

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