Anerkennung ist die Brücke zwischen Zuwanderung und Integration

Pressemitteilung 14/2011 vom 23.09.2011

Am 23. September 2011 stellte Prof. Dr. Martin Gillo die Empfehlungen des Runden Tischs „Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse“ im Rahmen einer Pressekonferenz vor. Der Abschlussbericht des Gremiums wurde dem Landtag zur Beratung als Drucksache 5/6788 übergeben.

Martin Gillo betonte, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse sei sowohl ein Problem als auch eine Chance für Sachsen. „Werden Qualifikationen nicht anerkannt, dann schafft das viel menschliches Leid. Wie soll sich jemand in unsere Gesellschaft integrieren, wenn wir von ihm verlangen, sein Geld als Lagerarbeiter zu verdienen, er aber eigentlich Ingenieur ist? Wie glaubwürdig ist ein Land, das nach Fachkräften ruft, aber denen, die schon hier leben, keine Chance gibt?“

Anerkennung sei die Brücke zwischen Zuwanderung und Integration. Eine schnelle und serviceorientierte Anerkennung von Qualifikationen sei nicht nur die Vorraussetzung für echte Integration, sie sei auch ein Aushängeschild, mit dem man sich gegenüber anderen Mitbewerbern um Fachkräfte absetzen könne.

Grundlage dafür sei der Respekt vor den Lebensleistungen der Menschen und eine grundsätzliche Offenheit gegenüber der Vielfalt menschlicher Bildungswege. „Kaum ein Berufsweg verläuft heute noch gerade. Viele Menschen haben Erfahrungen in verschiedenen Berufsfeldern sammeln können, und Arbeitgeber wissen das auch zu schätzen. Diese Einstellung sollten wir auf Menschen mit ausländischen Qualifikationen übertragen. Die großen sächsischen Unternehmen und renommierten Forschungsinstitute machen es bereits vor.“

Für Gillo zählen für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse deshalb mehrere Punkte. Zum einen geht es um neue Gesetze, die Anerkennung für alle schneller und transparenter ermöglichen und die die Berufserfahrungen der Zuwanderer berücksichtigen.

Zum anderen ermutigte Gillo gerade die Klein- und Mittelständischen Unternehmen in Sachsen, offen auf Bewerber mit ausländischen Qualifikationen zuzugehen: „Verschaffen Sie sich einen Wettbewerbsvorteil und nutzen Sie das Potential dieser Menschen!“ Vorstellbar seien Verbundlösungen bei der Einstellung, der Weiterbildung und der Unterstützung beim Spracherwerb für Fachkräfte mit ausländischen Qualifikationen. Die Wirtschaft sollte bei der dafür notwendigen interkulturellen Öffnung unterstützt werden. „Anerkennung braucht Arbeitgeber, die Menschen mit ausländischen Qualifikationen eine Chance geben, ihre Talente unter Beweis zu stellen.“

 

Insgesamt umfasst der Abschlussbericht 24 Empfehlungen, vierzehn davon entstanden durch die Arbeit des Runden Tisches. Dazu kommen zehn weitere Vorschläge des Ausländerbeauftragten, die sich aus dem Dialog mit Betroffenen ergaben.

Martin Gillo warb insbesondere darum, alle Prinzipien des Entwurfs des Bundesanerkennungsgesetzes auf die Ländergesetzgebung zu übertragen. Damit würde sichergestellt, dass auch bei den Berufen, die in Länderzuständigkeit liegen, keine Unterschiede mehr zwischen Abschlüssen aus der EU und aus sogenannten Drittstaaten gemacht werden, dass Berufserfahrung berücksichtigt werden und dass die Nachqualifizierungen und Prüfungen sich auf die festgestellten Defizite beziehen. „Die sächsische Erzieherausbildung beispielsweise stellt gegenwärtig Bedingungen, die kaum ein Bewerber mit ausländischen Qualifikationen erfüllen kann, egal, welche Bildung und Erfahrungen er oder sie mitbringt. Warum öffnen wir uns nicht Quereinsteigerlösungen, die eine volle Anerkennung der ausländischen Bildung und Erfahrung sicherstellen und gezielte Nachqualifikationen öffnen, damit die Bewerber/innen unseren Vorstellungen entsprechen können? Davon könnten dann auch die vielen inländische Interessenten profitieren.“

Gillo empfahl außerdem, sich auf Bundesebene für die Themen Nachqualifizierung, Spracherwerb und deren Finanzierung stark zu machen. „Die formale Anerkennung braucht eine Brücke ins Arbeitsleben, und diese Brücke heißt Anpassungsqualifizierung mit berufsbezogenem Deutsch.“

Vor dem Hintergrund der sächsischen Zuwanderungsinitiative und des Zuwanderungs- und Integrationskonzeptes der sächsischen Staatsregierung betonte Gillo, die Anerkennungsinitiative sei ein Schritt zur richtigen Zeit. Der Weg sein jetzt klar. Nun müssten mit der Landesgesetzgebung weitere Schritte folgen.

Die externen Partner am Runden Tisch hätten eine große Bereitschaft zur Mitarbeit gezeigt. Die breite Aufstellung sei eine wichtige Basis für gute und einvernehmliche Lösungen. Denkbar, so Gillo, wäre beispielsweise eine Anerkennungs-Service-Stelle für Ingenieure, die nicht nur Anerkennungssuchende serviceorientiert begleitet, sondern auch Ansprechpartner für potentielle Arbeitgeber ist. „Wenn wir auf qualifizierte Zuwanderung setzen, brauchen wir eine attraktive und serviceorientierte Anerkennungslandschaft.“

Der Runde Tisch „Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse“ wurde im August 2010 auf Initiative der Staatsregierung gegründet. Fünf sächsische Ministerien entwickelten gemeinsam mit der Sächsischen Bildungsagentur, den Sächsischen Industrie- und Handelskammern, den Handwerkskammern, der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit, der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft und dem Deutsche Gewerkschaftsbund, Empfehlungen, wie die Anerkennungssituation in Sachsen verbessert werden kann. Der sächsische Ausländerbeauftragte wurde gebeten, die Arbeit des Runden Tischs zu moderieren. Gemeinsam wurden Hemmnisse und Probleme identifiziert und Wege zur Veränderung aufgezeigt.

In Sachsen leben laut einer Studie des Sozialministeriums aus dem Jahre 2009 etwa 10.000 Menschen, deren Abschlüsse bisher nicht anerkannt seien. 90 Prozent aller Menschen, die sich an den Runden Tisch gewandt haben, hatten einen Hochschulabschluss.

Der Bericht über die Arbeit des Runden Tischs Anerkennung ist über die Geschäftsstelle des Ausländerbeauftragten oder über die Internetadresse www.offenes-sachsen.de erhältlich.

Empfehlungen des Runden Tischs zur Verbesserung der Anerkennungssituation in Sachsen

1. Hier sind Sie richtig: Zentrale Anlauf- und Beratungsstelle für Migranten für Verweisberatung und Begleitung auf dem Weg zur Anerkennung

2. Wir kennen den Weg: Verweis- und Berufsberatungskompetenz bei allen Anerkennungsakteuren steigern

3. Sie können etwas: Qualifikationen erkennen und berücksichtigen

4. Klugen Köpfen Türen öffnen: Ausländerbehörden als "Welcome-Center”

5. Wir verschaffen Übersicht: Ein Ansprechpartner für ein Berufsfeld / ein Qualifikationsfeld

6. Alles aus einer Hand: Gemeinsame Anerkennungsbescheide für Berufsfelder

7. Wir sprechen Deutsch und verstehen Sie trotzdem: Vorurteile gegenüber Mehrsprachigkeit abbauen

8. Deutschlernen lebenslang: Spracherwerb unterstützen

9. Wir können alles außer Amtsdeutsch: Verständlichkeit der Informationsblätter, Anerkennungsbescheide bzw. Hinweisschreiben erhöhen

10. Wir sind alle anders: Interkulturelle Kompetenz stärken

11. Es geht weiter: Nachqualifizierungen neu denken

12. Anerkennungen anerkennen: Wissensmanagement zu Anerkennungsbescheiden aufbauen

13. Wer zahlt wofür wie viel: Transparenz bei den Kosten schaffen

14. Anerkennung gemeinsam gestalten: Sächsische Anerkennungsakteure weiter vernetzen

Empfehlungen des Sächsischen Ausländerbeauftragten zur Verbesserung der Anerkennungssituation in Sachsen

15. Hand in Hand: Gleiche Prinzipien für die Bundes- und Landesgesetzgebung

16. Chancen geben: Vom Anerkennungsverfahren zur Anerkennung von Qualifikationen

17. Unternehmen im Verbund: Gemeinsam ausländische Qualifikationen erschließen

18. Faire Kosten: Gebühren für Anerkennungsverfahren niedrig halten

19. Diese Wege sind möglich: Anerkennungsberatung ist Berufswegeberatung

20. Hilfe ist nah: Erreichbare Angebote zur Anerkennungsberatung

21. Hier sind Sie richtig: Eine Anerkennungsstelle im Lehrer- und Erzieherbereich

22. Ingenieure willkommen: Anerkennungsstelle als Servicestelle

23. Sprache ist Sprache und Wissen ist Wissen: Prüfungen mit Sach- und mit Sprachverstand

24. Ärzte für Sachsen: Gleichbehandlung und Transparenz bei den Heilberufen

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