„Wer Zuwanderung will, muss Vielfalt willkommen heißen“ - Gillo stellt Jahresbericht 2011 vor

Pressemitteilung 4/2012 vom 02.03.2012

Willkommen Vielfalt: Unter diesem Motto stellte der Sächsischen Ausländerbeauftragte Martin Gillo am Freitag den Bericht über seine Arbeit des vergangenen Jahres vor.

Er warb für eine breite interkulturelle Öffnung unserer Gesellschaft und betonte, dass die vergleichsweise geringe moderate Anzahl der hier lebenden Migrantinnen und Migranten kein Argument sei, sich dem Thema nicht zu stellen. Wer nur die 2,7 Prozent im Auge hätte, der laufe nicht nur Gefahr, die damit verbundenen Chancen zu unterschätzen, der neige auch dazu, Migranten als eine homogene Gruppe zu sehen.

Tatsächlich aber seien Migranten untereinander genauso verschieden, wie es alle Menschen seien. „Es gibt ‚den Ausländer‘ genau so wenig, wie es ‚den Ossi‘ oder ‚den Wessi‘ oder ‚den Amerikaner‘ gibt. Es gibt nur Menschen mit vielfältigen Talenten und individuellen Lebenswegen.“ Wer das akzeptiere, mache aus dem Artikel 1 unseres Grundgesetzes alltägliche Realität, könne sich von Vorurteilen befreien und offen auf andere zugehen.

Gillo positionierte sich in diesem Zusammenhang auch zur rechtsextremen Mordserie in Deutschland. „Wir wehren uns gegen nationalsozialistisches Gedankengut, das alle Fremden als Feinde bekämpft. Wir wissen seit über sechzig Jahren, dass das falsch ist. Und trotzdem konnte es mitten unter uns zu einer solchen Mordserie kommen, trotzdem gibt es immer noch Übergriffe gegen Migranten, und trotzdem werden immer noch Asylsuchende bedroht, wie jetzt wieder in Kamenz.“

Für Gillo ist ein offenes und festes Bekenntnis zur Vielfalt in unserer Gesellschaft ein Ausweg aus den bisherigen Kämpfen. „Vielfalt gegen Vorurteile: Damit befreien wir uns von menschenfeindlichem Rassismus und Nazi-Halluzinationen. Eine sächsische Willkommensgesellschaft ist das beste Rezept für die Zukunftsfähigkeit unseres Freistaates.“, so Gillo.

Diese Willkommensgesellschaft sei heute bereits an vielen Stellen der sächsischen
Gesellschaft Realität – ebenso, wie die Vielfalt in Sachsen Realität sei. In Sachsen leben heute Menschen aus über 170 verschiedenen Ländern. Ärzte aus 87 Nationen arbeiten in sächsischen Krankenhäusern. Internationale Spitzenforscher und Fachleute aus allen Teilen der Welt tragen wesentlich zu unserem wirtschaftlichen Erfolg bei. Das sächsische Handwerk wirbt erfolgreich um Auszubildende in unseren europäischen Nachbarländern. Viele der in Sachsen lebenden Migranten seien sehr gut ausgebildet.

„Wir Deutschen suchen gerne nach Unterschieden. Statt Sachsen sehen wir schnell Dresdner, Leipziger, Erzgebirgler oder Oberschlesier. Befreien wir uns von den trennenden Kategorien. Machen wir bei Mitbürgern keine Unterschiede mehr zwischen Bodenständigen, Zugereisten oder Ausländern. Sachsen ist die gemeinsame Heimat für alle hier lebenden Menschen. Für einige ist es die einzige Heimat. Für andere ist es eine zweite Heimat. Was zählt, ist, dass Sachsen ihre Heimat ist. Unsere Zukunft heißt Einigkeit in Vielfalt.“

Gillos Plädoyer für eine Willkommensgesellschaft wurde unterstützt von Dr. Jörg Dittrich, Vorstandsvorsitzender des DSC Dresden und dem Dresdner Unternehmenssprecher von Globalfoundries, Jens Drews.

Dr. Dittrich sagte, eine offene Gesellschaft entstehe nur durch den Kontakt mit anderen Menschen und Kulturen. Er verwies dabei auch auf die Vorreiterrolle des Sports: „Das Zusammenspiel in einer Mannschaft ist aufrichtig und selbstverständlich. Alle strengen sich für eine Sache an und das Team kann nur gemeinsam gewinnen, egal aus welchen Nationen die Spieler kommen.“

Jens Drews erinnerte daran, dass eine Willkommensgesellschaft nur gelinge, „…wenn wir uns auf einige fundamentale Werte besinnen, die unserem Zusammenleben Maßstäbe und Orientierung geben. Dies sind Werte wie Respekt, Offenheit und gegenseitiges Aufeinander zugehen. Beherzigen wir dies im großen wie im kleinen Miteinander, dann werden wir bald erkennen, dass Vielfalt eine Bereicherung ist und eine große Chance für eine gute Zukunft unseres Landes birgt.“

Gillo fügte in diesem Zusammenhang hinzu: „Wir sind angewiesen auf ausländische Fachkräfte. Aber Arbeitsplätze allein bringen niemanden nach Sachsen. Wir müssen als Gesellschaft zeigen, dass uns die Vielfalt, um die wir werben, auch willkommen ist. Dazu gehört, dass sich unsere Gesellschaft weiter interkulturell öffnet: Von der Verwaltung, über unsere Unternehmen bis hin zu jedem Einzelnen – sei es als Nachbar oder als Vereinsmitglied.“

Gillo sieht den Freistaat Sachsen auf der langen Reise zur Willkommensgesellschaft. Der Jahresbericht 2011 zeige, welche Wegstationen im vergangenen Jahr erreicht wurden. Viele der Empfehlungen müssten nun Schritt für Schritt umgesetzt werden.

So sei bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse der Freistaat Sachsen gefragt: „Wir brauchen eine zügige Landesgesetzgebung, die hilft, dass die hier lebenden Menschen ihre Ausbildung auch tatsächlich einbringen können. Beispielsweise suchen wir händeringend nach Lehrern. Unter den Spätaussiedlern gibt es eine ganze Reihe von Lehrern, die mit einer entsprechenden Nachqualifizierung helfen könnten, diesen Bedarf kurzfristig und innerhalb Sachsens zu decken. Auch Ingenieure und andere Experten warten auf die Anerkennung ihrer Abschlüsse. Wir werben um Ingenieure aus dem Ausland – ich werbe um zugewanderte Ingenieure aus dem Inland!“

Auch der „Heim-TÜV“ für sächsische Gemeinschaftsunterkünfte werde fortgeführt. „Viele Landkreise und Kommunen haben positive Entwicklungen eingeleitet, die von der Überzeugung getragen sind, dass Asylsuchende unsere Mitmenschen sind.“ Ganz besonders eindrucksvoll seien jene Initiativen, die in der Mitte der Gesellschaft entstehen, wie das Kamenzer Kerzenband am 29.02.2012.

Gillo kündigte an, 2012 alle neuen und jene Heime zu besuchen, die im Bericht als unangemessen eingestuft wurden. „Der ‚Heim-TÜV‘ 2012 ist unser Kursbuch für eine menschenwürdige Unterbringung von Asylsuchenden in Sachsen.“, so Gillo. Außerdem wird der Spracherwerb der Asylsuchenden weiter praktisch unterstützt. Alle sächsischen Gemeinschaftsunterkünfte erhalten ein „Sprachregal“, das Wörterbücher in den wichtigsten Sprachen sowie die Broschüre „Deutsch für alle: 99 Wege zur deutschen Sprache“ enthält.

Für 2012 kündigte Gillo einen breiten Dialog mit Zuwanderern, internationalen Forschern, Fachkräften und Studierenden an: „Wir wollen wissen, was Sachsen aus Sicht unserer internationalen Mitbürgerinnen und Mitbürger noch mehr zu einer Willkommensgesellschaft macht. Wir wollen bei unseren Veranstaltungen Kontaktmöglichkeiten schaffen und die Vielfalt präsentieren, die in Sachsen bereits Realität ist.“

Es habe sich in den vergangenen Jahren bereits viel Positives getan. Die sächsische Zuwanderungsinitiative sei dafür ebenso ein Beleg, wie die große und selbstverständliche Bereitschaft der Zuwanderer, sich in Sachsen einzubringen. „Nun sind wir an der Reihe: Wir müssen uns selbst verändern, unsere Vorurteile überwinden, uns öffnen und andere mitnehmen. Wir Sachsen – das sind alle, die hier leben. Begegnen wir uns mit Respekt und seien wir neugierig auf die Vielfalt, die wir mitbringen.“

Gillo warb nicht nur für die Fakten im Jahresbericht. „Wer die bewegenden Bekenntnisse der vielen jungen Migrantinnen und Migranten zu unsrem Freistaat liest, die im Jahresbericht abgedruckt sind, dem fällt es leichter, sein Herz für die mit uns lebenden Migranten noch ein bisschen mehr zu öffnen.“

Hintergrund:

Der Sächsische Ausländerbeauftragte ist nach dem Gesetz verpflichtet, dem Parlament jährlich über seine Arbeit und über die Situation der in Sachsen lebenden Menschen zu berichten. Der Bericht wurde als Drucksache 5/8183 dem Landtag zur Beratung übergeben. Er steht allen Interessierten kostenlos zur Verfügung und kann unter www.offenes-sachsen.de bestellt werden.

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