Ausländische Forscher loben Dresden und empfehlen, Integrationshürden in Sachsen abzubauen

Pressemitteilung 14/2012 vom 21.09.2012

Zum Beginn der Interkulturellen Woche in Sachsen ließ heute der Sächsische Ausländerbeauftragte Martin Gillo ausländische Forscherinnen und Forscher in Sachsen mit einer Studie über ihr Leben in Dresden zu Worte kommen.

Die Untersuchung gibt die Standpunkte von Forschern aus aller Welt wieder, die derzeit am Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) in Dresden forschen und in Dresden leben. Sie wurden u.a. dazu befragt, wie es ihnen in Sachsen geht, ob sie sich wohlfühlen und was man für ein respektvolles Miteinander tun könnte. Die Untersuchung enthält anonymisierte Zitate, die schildern, wie es ausländischen Forschern in Sachsen geht.

Einhellig war das große Lob für den hiesigen Standort, der sich in den letzten 20 Jahren zu einem international renommierten Platz für Forschung und High-Tech-Unternehmen entwickelt hat. Im Bereich der Biomedizin gilt Dresden mittlerweile als eine der Top-Adressen weltweit.

Die Befragten schätzten die Lebensqualität in der sächsischen Landeshauptstadt: „Dieser Ort ist wirklich einer der spannendsten, wunderbarsten, reichsten Orte in Europa, wo du Biologie studieren kannst.“. Hier ließe sich auf Weltklasseniveau forschen und gleichzeitig familienfreundlich leben: „Für eine kleine Familie ist das hier der perfekte Ort.“

Die Dresdnerinnen und Dresdner werden von den internationalen Wissenschaftlern als sehr freundlich erlebt. Gute Deutschkenntnisse sehen sie für ihr alltägliches Leben als sehr wichtig an. Gleichzeitig wünschen sie sich, dass man sich beim Versuch, sich zu verständigen, auf halbem Wege entgegen kommt: „Ich kann Deutsch sprechen, also habe ich normalerweise gute Eindrücke. Aber ich weiß von Freunden, die nicht so gutes Deutsch sprechen, dass sie ärgerliche Antworten bekommen.“

Die Gespräche mit den ausländischen Wissenschaftlern zeigten allerdings auch eine Reihe von Hürden im Lebensalltag auf. Die Forscher gaben Anregungen, wie sich aus ihrer Sicht die Situation deutlich verbessern ließe und wie sich darüber die Attraktivität des Standortes weiter verbessern ließe. Zu diesen Anregungen zählen z.B.:

  • Wissenschaftler und Fachkräfte verständigen sich weltweit in Englisch. Deshalb wäre es hilfreich, wenn Mitarbeitende in Behörden die Betroffenen bei den Formalitäten in Englisch unterstützen könnten: „Du kannst von jemandem, der erst einen Monat hier ist, nicht erwarten, dass er fließend Deutsch spricht.“
  • Behördengänge könnten deutlich erleichtert werden, wenn die wichtigsten Informationen sowohl in Deutsch als auch in Englisch schnell verfügbar wären: „Ihr würdet wahrscheinlich davon profitieren, einige wichtige Dinge auf einer Webseite in verschiedenen Sprachen zu haben.“
  • Deutschkenntnisse sind wichtig für das alltägliche Leben und die Integration. Die in Sachsen angebotenen Sprachkurse werden den Bedürfnissen der ausländischen Forscher noch nicht gerecht: „Ich habe mit meinem Sprachunterricht aufgehört, weil Leute einfach nicht zur Klasse kamen. Und wenn sie dann später kamen, mussten wir zurück und alles wiederholen.“
  • Wenn internationale Forscher ihre Familien zu Besuch nach Sachsen einladen wollen, sollte das auch für die sog. Drittstaatler möglich sein. Kautions-hinterlegungen von 3000 bis 5000 € pro Person stehen dem häufig aus finanziellen Gründen entgegen: „Wenn Du jemanden aus deiner Familie auf Besuch herholen willst, und du merkst, dass das sehr schwer wird, wirst du dich hier nie zuhause fühlen, und du wirst fühlen, dass die Werbung für eine internationale Atmosphäre eine Lüge ist.“
  • Wie alle Eltern wollen auch ausländische Wissenschaftlicher für ihre zweisprachig aufwachsenden Kinder die bestmögliche Bildung. Deshalb sollten die bestehenden Benachteiligungen z.B. bei den Bildungsempfehlungen aufgehoben werden und der Zugang zu den Gymnasien erleichtert werden. Bildung ist ein Standortvorteil, den Sachsen ausbauen sollte: „Ich mache mir Sorgen, dass unserer Tochter durch unsere Entscheidung, hier zu bleiben, später einige Bildungs- und Karrierechancen verschlossen bleiben, weil sich ihre Deutschkenntnisse bis zum Alter von zehn Jahren nicht schnell genug entwickelt haben.“
  • Wenn ausländische Abschlüsse im Anerkennungsverfahren niedriger eingeschätzt werden, als sie es tatsächlich sind, entstehen den Betroffenen berufliche Nachteile: „Ich meine, ich bekomme nicht sehr viel Gehalt wegen dieses Problems.“
  • Eine Reihe langjährig in Deutschland lebender Forscherinnen und Forscher und ihre in Deutschland geborenen Kinder würden gerne die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben – allerdings nicht, wenn sie gleichzeitig ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft aufgeben müssten: „Wie kannst Du Deine ursprüngliche Nationalität ablehnen? Das ist etwa so, als wenn ich meinen Eltern sagen würde, okay, ihr seid nicht mehr meine Eltern.“… „Der einzige Weg, Deutscher zu werden, ist es, deiner Staatsbürgerschaft abzuschwören. Ich müsste zur Botschaft gehen und sagen, dass ich ab sofort nicht länger ein Bürger meines Landes sein will. Dann kann ich Deutscher werden. Das ergibt für mich keinen Sinn.“
  • Sachsen will eine Willkommensgesellschaft sein – dazu braucht es nicht nur ein Bekenntnis, sondern viele kleine und alltägliche Schritte hin zu mehr Offenheit und Neugier gegenüber Menschen aus anderen Ländern: „Ich sage nicht, dass du den Ort hier mit Ausländern überschwemmen musst. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist einfach die normale Einstellung der Leute hier, irgendwie ein bisschen offener und nachsichtiger zu werden.“

Anthony Hyman, Direktor am MPI-CBG, engagiert sich dafür, Dresden zu einem weltweiten Top-Standort für Biomedizin zu entwickeln: „Wir haben einen großartigen Anfang in diese Richtung gemacht. Wenn wir die Erfolgsgeschichte weiterschreiben wollen, brauchen wir Top-Leute aus aller Welt. Damit diese wirklich kommen und bleiben, braucht Deutschland neues Denken. Ich bin der Überzeugung, dass beherztes Handeln bezüglich der gemachten Anregungen dazu führt, dass noch mehr internationale Wissenschaftler Sachsen zu ihrer zweiten Heimat machen. “

Martin Gillo sagte zur Studie: „Die aufgezeigten Hindernisse zur Integration ausländischer Forscher lassen sich mit gutem Willen aus dem Weg räumen. Kaum ein Gesetz bietet so viele Spielräume wie das deutsche Ausländerrecht. Ich bin der Überzeugung, dass der überwiegende Teil der Probleme gelöst sein wird, wenn sich unsere Behörden zu einer wohlwollenden Interpretation unserer Gesetze und zu konsequenter Dienstleistungsorientierung bekennen. Und das liegt allein am politischen Willen des Freistaates Sachsens.“

Der deutsch- und englischsprachige Bericht ist kostenlos beim Sächsischen Ausländerbeauftragten erhältlich und auch im Internet verfügbar unter www.offenes-sachsen.de.

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