Erfahrungen beim Durchführen des Heim-TÜV und Ehrenkodex

Unsere Erfahrung zeigt, dass Verbesserungen gemeinsam angegangen werden müssen. Die angemessene und menschenwürdige Unterbringung von Asylsuchenden ist eine gesellschaftliche Aufgabe, an der viele mitwirken.

Beispielsweise tragen Landkreise und Bundesländer zur Finanzierung der Unterbringung bei. Ordnungsbehörden sind verantwortlich für Sicherheit, Ausländerbehörden sind zuständig für aufenthaltsrechtliche Fragen, Sozialbehörden für die Auszahlung oder die Ausgabe der Leistungen für Asylsuchende. Schulaufsichtsbehörden und Lehrer vor Ort kümmern sich um die schulische Integration der Kinder. Wohlfahrtsverbände engagieren sich in der Flüchtlingssozialarbeit, Vereine bei der sozialen Inklusion der Asylsuchenden, Beratungsstellen helfen bei alltäglichen Problemen.

Viele Akteure setzen also einen Teil ihrer Ressourcen für die Gestaltung der Lebensbedingungen von Asylsuchenden ein, gleichzeitig müssen sie ihren gesamten Verantwortungsbereich im Auge behalten. Sie müssen Prioritäten setzen und dafür sorgen, dass Haushalte nicht überlastet werden. Sie müssen die rechtlichen Vorgaben einhalten und die Sorgen der Bürger ernst nehmen. Jeder einzelne Heimbetreiber muss sich dafür einsetzen, dass sein Heim als Ganzes funktioniert, dass es bezahlbar bleibt, dass keine Energie verschwendet wird etc. Alles gute Absichten und immer eine Gratwanderung, denn sie müssen „… sowohl das öffentliche Interesse als auch Belange des Ausländers … berücksichtigen.“ (AsylVfG § 53).

Der „Heim-TÜV“ ist deshalb so angelegt, dass nicht nach dem einen Schuldigen für Missstände gesucht wird, sondern dass immer das gesamte System im Auge behalten wird. Aus Sicht des „Heim-TÜV“ gibt es nur Mitverantwortliche und Mitgestalter.

Der „Heim-TÜV“ ist mehr als nur eine Diagnose von Missständen. Er zielt vor allem auch darauf, die vorhandenen Stärken weiterzuentwickeln und konkrete Empfehlungen für Verbesserungen zu machen. Der vergleichende Ansatz ermöglicht es außerdem, von den guten Erfahrungen anderer Akteure zu profitieren. Best Practice bekannt zu machen, ist deshalb ein wichtiger Bestandteil des „Heim- TÜV“-Verfahrens.

 

Unsere Erfahrungen

An dieser Stelle möchten wir auch einen kurzen Einblick in unsere Erfahrungen des „Heim-TÜV“ geben – was hat sich bewährt, was sollte berücksichtigt werden?

  • Die Unterbringungsbedingungen lassen sich am besten verbessern, wenn man konstruktiv mit allen Verantwortlichen zusammenarbeitet. Gemeinsam generierte Lösungen sind längerfristig haltbar und eher umsetzbar als einseitige Schuldzuweisungen und Forderungen. Außerdem fördert dieser Ansatz die Reflexion des eigenen Handelns und der eigenen Qualitätsstandards.
  • Die Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften sind keine Objekte der Untersuchung, sondern Mitmenschen mit individuellen Sorgen und Hoffnungen. Der „Heim-TÜV“ erfragt deshalb ganz bewusst die Perspektive der Bewohner. Außerdem wird auf Möglichkeiten zur
    Mitgestaltung und auf die Mitverantwortung hingewiesen.
  • Dabei muss beachtet werden, dass das Selbst- und Weltverständnis vieler Asylsuchender erschüttert sein kann. Man muss zunächst Vertrauen aufbauen. Die Bewohner dürfen nicht zum Antworten gedrängt werden. Offene Fragen wirken vertrauensbildend.
  • Sprach- und Kulturmittler haben einen besseren Zugang zu den verschiedenen Nationalitäten im Heim. Im Team sollte eine Person mitarbeiten, die eine Sprache spricht, die im Heim häufig gesprochen wird.
  • Neben dem Blick auf die konkrete Situation in den Gemeinschaftsunterkünften ist die Kommunikation entscheidend: Der „Heim-TÜV“ repräsentiert die Werte der Menschenwürde – das muss kommuniziert und verständlich gemacht werden. Deshalb halten wir den Kontakt mit den Verantwortlichen auch zwischen den Besuchen.

Ehrenkodex

Wir arbeiten auf Grundlage eines „Ehrenkodex“ für die „Heim-TÜV“-Besuche, um unsere Professionalität und Unabhängigkeit zu wahren:

  • Wir haben die Perspektive eines freundlichen und menschlichen Datenerfassers.
  • Wir sind fair gegenüber allen, führen Kommunikation auf Augenhöhe und mit ehrlichem Interesse an den Bewohnern und der Situation im Heim.
  • Im Umgang mit den Bewohnern begegnen wir ihnen als Mitmenschen und Subjekte – nicht als Objekte der Untersuchung.
  • Unser Interesse beim Besuch gilt der neutralen Diagnose und Erfassung des Ist- Zustandes. Eine Bewertung erfolgt erst im Nachhinein.
  • 360°-Blick in alle Richtungen: Wir kommen vorurteilsfrei, unvoreingenommen und mit guter Absicht.
  • Wir nehmen alle Ideen der Befragten auf: Wir hören zu und schreiben das Gehörte ausführlich auf.
  • Wir hinterlassen ein „Abschiedsgeschenk“: Dazu gehört, dass wir die Bewohner auf die Möglichkeiten zur Eigeninitiative hinweisen und sie ermutigen, diese auch zu ergreifen.